
Gute Gespräche in Köln: Rückblick auf die erweiterte Vorstandssitzung
26. Oktober 2026Flackerlicht 11/26: Denken Sie ja nicht, wen Sie vor sich haben! oder: Die Bahn entschuldigt sich.
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Über die Deutsche Bahn zu schreiben, ist eigentlich vollkommen überflüssig geworden. Das Thema ist durch. Jeder weiß, dass nichts mehr funktioniert, keiner weiß, wann er ankommt, und alle haben sich daran gewöhnt, dass die Bahn inzwischen offenbar nur noch ein Unternehmen zur Herstellung und Verbreitung von Entschuldigungen ist.
Ich habe gerade zwei Bahnreisen hinter mir. Jeweils drei Stunden Verspätung. Gestern habe ich beschlossen, dass es meine letzte Bahnfahrt gewesen sein könnte.
Irgendwann ist auch mal gut.
Ich will nämlich gar nicht mehr wissen, warum der Zug nicht fährt. Ob da nun eine Weiche kaputt ist, eine Oberleitung herunterhängt, eine Person auf dem Gleis herumturnt oder ein vorausfahrender Zug noch auf seine Weiterfahrt wartet. Letzteres ist besonders schön. Der Zug vor uns fährt nicht weiter, weshalb wir auch nicht weiterfahren können. Das ist eine Information von geradezu philosophischer Tiefe.
Dass ein Zug, der nicht fährt, den nachfolgenden Zug am Fahren hindert, hätte ich mir mit meinem bescheidenen Verstand beinahe selbst erklären können.
Inzwischen ist die Entschuldigung ja auch zur eigentlichen Dienstleistung geworden. Früher hat man eine Fahrkarte gekauft und wurde befördert. Heute kauft man eine Fahrkarte und bekommt dafür eine umfangreiche Sammlung von Begründungen, warum das mit der Beförderung leider nicht geklappt hat.
Und immer diese freundlichen Stimmen!
„Wir bitten um Verständnis.“
Nein! Ich habe kein Verständnis mehr. Ich habe inzwischen so viel Verständnis aufgebracht, dass es für die nächsten drei Generationen reichen müsste. Ich möchte einfach nur von A nach B fahren. Möglichst zu der Zeit, die auf meiner Fahrkarte steht.
Ist das wirklich zu viel verlangt?
Man müsste sich doch in diesem Unternehmen irgendwann einmal zusammensetzen und ganz einfache Fragen stellen: Warum fahren unsere Züge nicht? Haben wir zu viele davon? Zu wenig funktionierende Gleise? Warum werden Baustellen nicht fertig? Wer organisiert eigentlich die Abläufe? Und weshalb gelingt es uns nicht mehr, das zu tun, wofür dieses Unternehmen überhaupt gegründet wurde?
Das wäre doch mal ein Anfang.
Ich habe allerdings den Verdacht, dass sich bei der Bahn inzwischen eine gewaltige Verwaltungs-, Absicherungs- und Zuständigkeitsmaschinerie entwickelt hat, in der das eigentliche Eisenbahnwesen nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Vielleicht sollte man sich wieder mehr mit Ingenieuren, Infrastruktur, funktionierenden Fahrplänen und vernünftiger Logistik beschäftigen.
Und weniger mit allem, was damit nichts zu tun hat.
Aber vermutlich müsste man dafür zunächst einen Arbeitskreis gründen, der eine Machbarkeitsstudie zur Verbesserung der Pünktlichkeit in Auftrag gibt. Anschließend wird eine Lenkungsgruppe eingerichtet, die feststellt, dass die Zuständigkeiten noch nicht abschließend geklärt sind.
Und dann ist Weihnachten.
Welches Jahr, weiß allerdings niemand.
Aber ich will gar nicht immer nur meckern. Vielleicht könnte die Bahn ihre inzwischen wirklich beachtlichen Fähigkeiten auf einem Gebiet weiterentwickeln, auf dem Deutschland ohnehin über ein gewaltiges, bislang völlig ungenutztes Potenzial verfügt: dem freiwilligen Sprachwitz.
Die deutsche Sprache ist schließlich eine wunderbare Sache. Besonders dann, wenn sie sich gegen ihren Benutzer wendet.
„Denken Sie ja nicht, wen Sie vor sich haben!“
Das ist doch mal eine Ansage! Da weiß man sofort, woran man nicht ist. Denn offenbar soll man sich auf keinen Fall Gedanken darüber machen, wer da eigentlich vor einem steht. Wahrscheinlich aus gutem Grund.
Noch schöner:
„Wenn Sie glauben, Sie hätten einen Dummen gefunden, dann sind Sie bei mir an der richtigen Adresse!“
Das ist doch mal eine ehrliche Selbsteinschätzung. Andere brauchen dafür jahrelange psychologische Betreuung. Hier reichen zwei Sätze.
Und genau hier sollte die Bahn ansetzen.
Warum nicht endlich einmal die Entschuldigungen sprachlich aufwerten?
„Sehr geehrte Fahrgäste, bitte denken Sie ja nicht, wen Sie vor sich haben!“
Oder:
„Wenn Sie glauben, Sie hätten mit uns einen Dummen gefunden, dann sind Sie bei uns genau an der richtigen Adresse!“
Das hat Unterhaltungswert.
Auch die klassische Reiseauskunft ließe sich erheblich vereinfachen:
„Wir fahren heute hin mit dem Zug- und her zurück!“
Das klingt nach einem vollständigen Reisebericht. Die Fortbewegung auf dem Hinweg ist geklärt, und zurück kann man offenbar auch kommen. Wie, bleibt ein Geheimnis. Vielleicht sollte die Bahn diese Methode einmal ausprobieren. So wäre man bei manchen meiner Reisen jedenfalls schneller gewesen.
Besonders ergiebig wird der freiwillige Sprachwitz ja immer dann, wenn Menschen versuchen, ihrer eigenen Bedeutung sprachlich Nachdruck zu verleihen. Dann verlassen die Worte gelegentlich fluchtartig den ihnen zugedachten Sinn.
Keine Sorge. Offenbar ist die Ware bereits im Umlauf.
Und so könnte die Bahn auch endlich einmal etwas Positives aus ihren Verspätungen machen. Statt der immer gleichen Durchsagen könnte man einen Wettbewerb veranstalten. Die schönsten freiwilligen Entschuldigungen werden prämiert.
„Unser Zug verspätet sich aufgrund einer allgemeinen Verzögerung.“
„Die Weiterfahrt verzögert sich, weil wir noch nicht weitergefahren sind.“
„Wir bitten Sie, Ihre Anschlüsse selbstständig zu verpassen.“
Oder mein persönlicher Favorit:
„Aufgrund einer vorhergesehenen Verspätung können wir Ihre planmäßige Ankunft leider nicht pünktlich gewährleisten.“ Kann man auch beliebig durch „unpünktlich“ ersetzen.
Dann läufts auch wieder!
Der freiwillige Sprachwitz ist ohnehin eine der letzten großen Errungenschaften unserer Zivilisation. Er entsteht vollkommen ohne Absicht, ohne Förderung, ohne Arbeitskreis und vor allem ohne jemanden, der vorher ein Konzept dazu geschrieben hat.
Das Schöne daran ist, dass diese Menschen ihre Sätze mit einer solchen Überzeugung vortragen, dass jeder Versuch einer Korrektur völlig zwecklos wäre. Wer hier nachfragt, hat ohnehin schon verloren. Denn meistens weiß der Sprecher nicht ganz genau, was er sagen wollte. Nur die Sprache weiß es.
Vielleicht sollte die Bahn also künftig ganz auf den freiwilligen Sprachwitz setzen. Wenn schon keine Züge mehr pünktlich ankommen, dann wenigstens die Pointen.
Allerdings wäre mir persönlich ein funktionierender Zug fast noch lieber.
Und bevor jetzt wieder jemand erklärt, wie ungeheuer kompliziert das alles ist, wie viele Ursachen die Verspätungen haben und weshalb man bedauerlicherweise nichts dafür kann:
Denken Sie ja nicht, wen Sie hier vor sich haben!
Ich bin nämlich Kunde. Und wenn Sie glauben, Sie hätten einen Dummen gefunden, dann sind Sie bei mir inzwischen tatsächlich an der richtigen Adresse!
Morgen kaufe ich mir wieder eine Fahrkarte!




