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Neulich war ich im Los Angeles County Museum of Art kurz: LACMA – großartig! Ein riesige Auswahl vor allem auch an deutscher Kunst, die vor 90 Jahren aus bekannten Gründen flüchten musste. Allein dafür lohnt sich der Weg! Die Drainage der Kunst hält bis heut an.
Was mir als notorischem Museumsgänger besonders ins kritische Auge fiel, war das Publikum: eine erstaunlich bunte, fröhliche und durchlässige Mischung. Menschen aller Altersstufen, Stile und Temperamente. Einige blieben länger stehen, andere gingen weiter, manche kamen zurück, manche schauten nur flüchtig- und unterhielten sich freundlich und beiläufig weiter. Es wirkte nicht besonders ehrfürchtig. Aber erschreckend aufmerksam- allerdings ohne die wichtige pädagogische Grundhaltung. Vor allem aber wirkte es besorgniserregend entspannt. Niemand schien von der berechtigten Sorge getragen, etwas falsch verstehen zu können. Offenbar gilt dort die leise Annahme, dass Betrachter mit Kunst(!) allein gelassen werden können, ohne dass sofort langfristige Schäden wie beim Rauchen entstehen. Das konnte ich als deutscher Museumsbesucher natürlich nur tadeln und/oder mit Befremden zur Kenntnis nehmen.
Ortswechsel: Bundeskunsthalle Bonn (Klingt schon wie ein Kräuterbad!). Dort lief bis 11.01.2026 eine wirklich großartige Ausstellung zu Wim Wenders Werk- anlässlich seines 80. Geburtstages (Herzlichen Glückwunsch) – offen, visuell stark, klug und liebevoll gemacht. Man kann schauen, sich in poetischen Bildern verlieren, eigenen Gedanken nachhängen oder sogar welche entwickeln. Sehr malerisch- wie seine Filme. Sehr weltläufig- wie der Mensch Wenders. Wie gesagt: großartig! Der Himmel über Berlin ist nicht mehr geteilt, aber noch derselbe.
Soweit der Brückenschlag ins LACMA.
Wieder daheim. Gott sei Dank!- gleich daneben, zwei weitere Ausstellungen: eine über die Meere, eine über das Bauen. Beide mit dem nötigen pädagogischen Ernst vorgetragen. Eine bedeutungsschwangere Ernsthaftigkeit die klugerweise keinen Platz lässt, einfach nur zu schauen. Wohin sollte das auch führen?
Viel Erklärung, viel Einordnung, hohe moralische Dringlichkeit. Man fühlt sich zu recht in die Pflicht genommen und ordentlich abgewatscht. Wer hier mit seinem Kinde nicht weinend rausgeht, hat nichts verstanden. Kuratorin: Wahrscheinlich meine ehemalige Russischlehrerin oder ein frischer Chefdramaturg, nicht einer von diesen alten anarchischen.
Im Biedermeier der Bedrohlichkeit: Warum eigentlich diese Sorge? Warum dieses Bedürfnis, alles so gründlich zu rahmen, dass kein Gedanke mehr frei herumlaufen, geschweige denn tanzen kann? Das deutsche Museum muss dem Publikum grundsätzlich misstrauen? Als könne jemand vor einem Exponat stehen, ohne sofort zu wissen, was er darüber denken soll – und das wäre dann gefährlich? Was denken die, die sich das denken?
Man hat den Eindruck, das Museum sei hierzulande weniger ein Ort der Wahrnehmung als ein Ort der vorsorglichen Anleitung. Kunst darf nicht wirken, sie muss etwas leisten. Sie soll bilden, warnen, sensibilisieren, aufrütteln. Am besten alles gleichzeitig und auf nüchternen Magen. Ambivalenz wirkt verdächtig, Ironie unerquicklich. Humor! Lassen wir das.
Freies Denken – also, echt jetzt – das überlässt man besser nicht dem Zufall.
Vielleicht ist das alles gut gemeint. Vielleicht glaubt man wirklich, Besucher müssten beschützt werden: vor falschen Schlüssen, vor zu viel Offenheit, vor dem Risiko, etwas nur schön oder blöde zu finden, ohne den korrekten Unterbau mitzudenken. Und man fragt sich, mehr oder weniger belustigt, ob das Publikum tatsächlich so hilfsbedürftig ist – oder ob hier nicht eher ein Lehrer Lempel- Bedürfnis der Institutionen ausgelebt wird.
Es drängt sich beinahe logisch die nächste Frage auf: Warum dieses Prinzip nicht konsequent ins Theater verlängern? Noch mehr Einführung, noch mehr Kontext, noch mehr dramaturgische Leitplanken. Einen zwölfseitigen Beipackzettel für „Der Raub der Sabinerinnen“. Dann ließe sich so auch dort sicherstellen, dass niemand den Saal verlässt, ohne genau zu wissen, was er empfunden haben sollte.
An dieser Stelle: Herzliche Grüße an die wunderbare Emilie Striese („Wir haben alle mal alt angefangen!“).
Alles Gute für 2026..




