
NIS2 und das Theater – Notwendigkeit oder Projektion?
13. April 2026|
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Ich sage das ganz unromantisch und ohne jede Absicherung:
Die glücklichste und sicher auch lustigste Zeit meines Berufslebens hatte ich als Bühnenhandwerker.
Nicht später, als ich Verantwortung trug.
Sondern damals, als ich Dinge gebaut habe.
Wir haben uns auf der Bühne selten gefragt, ob etwas regelkonform ist. Wir haben gefragt, ob es hält. Ob es funktioniert. Ob es jemanden erschlägt. Wenn nein, wurde gebaut. Wenn ja, wurde nachgebessert. Das war unser Compliance-System. Und: Es war erstaunlich effektiv.
Wir wollten Dinge möglich machen. Nicht absichern, nicht moderieren, nicht dokumentieren – machen. Und ja: Dabei ist gutes Theater entstanden. Nicht trotz dieser Haltung, sondern wegen ihr.
In den Pausen saßen wir im Aufenthaltsraum. Kaffee in industriellen Mengen. Gespräche, sehr viel Gelächter, Spiele. Früher trank der eine morgens Kaffee, der andere ein Bier. (Nicht lecker!) Heute reicht der Gedanke daran, um drei Arbeitsgruppen, zwei Gefährdungsbeurteilungen und ein internes Rundschreiben auszulösen. Damals führte es zu exakt null zusätzlichen Unfällen.
Aber zu vielen guten Tagen.
Ok, keine Renaissance gewünscht, zumindest was das Bier angeht.
Wir hatten Kollegen. Keine „Teams“, keine „Rollen“, keine „Stakeholder“. Kollegen. Menschen, auf die man sich verlassen konnte. Die wussten, was sie tun. Die eingriffen, wenn es brannte. Und die einem nach getaner Arbeit auch mal sagten: „War gar nicht sooo schlecht!“
Heute reden wir endlos über Arbeit – aber fast nie über das Arbeiten. Über Einkommen, Modelle, Absicherung, Gerechtigkeit. Alles wichtig. Aber was konsequent fehlt, ist die Erkenntnis, dass Arbeit vor allem eines ist: eine große soziale Teilhabe. Wer arbeitet, hat Kollegen. Wer Leute um sich hat, ist Teil von etwas. Wer Teil von etwas ist, lacht öfter, streitet mehr, lebt besser.
Die eigentliche Armut ist nicht nur materiell. Sie ist oft emotional. Sie entsteht dort, wo Menschen nicht mehr gemeinsam etwas tun, sondern nur noch verwalten, rechtfertigen, absichern. Wo Projekte durch Prozesse ersetzt werden und Können durch Zuständigkeit. Vertrauen durch Kontrolle.
Kein Wunder also, dass viele hervorragende Handwerker keine Leitungspositionen wollen. Oben wartet der Regelwald, unten wartet die Arbeit. Oben füllt man Formulare aus, unten stellt man ein Podest hin. Oben bewertet man Risiken, unten löst man Probleme.
Und am Ende wird unten Theater gespielt – nicht oben.
Ich habe vollstes Verständnis für jeden, der sagt: Behaltet eure Verantwortung, wenn sie nur noch auf Papier existiert. Gebt mir eine Aufgabe, ein Team und Material. Den Rest klären wir vor Ort.
Handwerker sind nicht glücklicher, weil sie weniger Regeln kennen.
Sie sind glücklicher, weil sie gestalten.
Weil sie wirksam sind.
Weil sie Kollegen haben und keine „Stakeholder“.
Und ganz ehrlich: Ich habe in meinem Leben viele kluge Sätze gehört.
Aber selten einen, der so überzeugend war wie der Moment, in dem ein selbstgebautes Teil exakt passte und jemand sagte:
„Lass so. Das funktioniert.“
Mehr Wahrheit brauche ich gar nicht.




